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24 Stunden alleine im Wald

Zwölf Frauen und Männer auf der Suche nach Sinn und Orientierung, vielleicht auch auf der Suche nach sichselbst: Für 24 Stunden begeben sich die Teilnehmer des Freiwilligendienst- Seminars „Walk Away“ alleine in den Wald. Friederike Stock ist eine von ihnen. Was sie in dieser Zeit erlebt hat, lesen Sie hier.

Dienstag, 18:00 Uhr. Zwölf Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer, zwei Pädagogen und der Freiwillige, der uns in der Pfadfinderbildungsstätte Sager Schweiz versorgt, sitzen am Tisch und genießen das leckere Essen. Für die meisten von uns ist es die letzte Mahlzeit für die nächsten 38 Stunden. Denn wir Seminarteilnehmer wollen ab dem Morgengrauen 24 Stunden alleine und fastend im Wald verbringen. Während des Abendessens überlege ich ein Dutzend Mal, was ich alles in meinen Rucksack packe und was ich nicht einpacke. Am Ende landen mein Schlafsack, eine Isomatte, zwei Anderthalbliterflaschen, eine Taschenlampe, eine Trillerpfeife, um im Notfall Hilfe zu holen, eine Karte der Umgebung, ein Zettel, ein Stift, die Notfallnummern, der Liederzettel, ein Seil und eine Plane im Rucksack. Aus dem Seil und der Plane wird das sogenannte Tarp gebaut, ein Unterschlupf für die Nacht, da ein Zelt im Wald nicht erlaubt ist. Für das Tarp wird einfach das Seil zwischen zwei Bäumen gespannt, die Plane darüber gehängt und am Boden mit Ästen oder großen Steinen befestigt. Was nicht mitkommt sind Handy und IPod, ein Buch oder sonstige Unterhaltung. Wir wollen schließlich die Natur und die Einsamkeit erleben.

Mittwoch, 4:30 Uhr. Gesang dringt durch den Flur und weckt mich. Ich stehe auf, ziehe mich an, fülle meine Trinkflaschen und gehe mit den anderen raus. Es wird nicht viel gesprochen, jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Aber man spürt die Aufregung, die seit gestern Abend ein ständiger Begleiter ist. Draußen haben Dieter und Susanne, die beiden Pädagogen, schon einen Steinkreis vorbereitet und ein Bündel getrockneten Salbei angezündet. Nacheinander treten wir in den Kreis und werden durch rituelle Worte aus der Zivilisation verabschiedet. Ich bin eine der letzten. Nachdem ich aus dem Kreis trete mache ich mich auf zu meinem Schlafplatz. Wo in etwa wir übernachten, mussten wir uns Dienstag schon überlegen und auf einer Karte eintragen, damit, falls etwas passiert, nicht das ganze 15 Quadratkilometer große Gebiet abgesucht werden muss.

6:00 Uhr. Mein Schlafplatz liegt in einem Waldstück, das erst vor wenigen Jahren und nicht natürlich entstanden sein kann, da die noch sehr kleinen Laubbäume sehr geordnet stehen. Nur etwa hundert Meter weiter liegt die L870, aber man kann mein Lager weder von der Straße, noch von der anderen Seite des Waldes aus, sehen. Nicht, dass noch jemand auf die Idee kommt, mich in meinem Tarp zu besuchen… Um meinen Rucksack etwas leichter zu machen und später keine Probleme mit der Dunkelheit zu bekommen, baue ich mein Tarp auf und lasse meine Isomatte darin zurück.

7:00 Uhr. Und nun? Alles Notwenige ist erledigt, und ich habe noch 22 Stunden Zeit. Schlafen kann ich nicht mehr, also fange ich an, durch das auf der Karte eingezeichnete Gebiet zu laufen. Zuerst spaziere ich ziellos durch die Gegend. Ich versuche, ein paar Lieder von meinem Liederzettel zu singen, aber in der Stille des Waldes fühlt es sich falsch und sogar etwas gruselig an. Ich beschließe, zum Ostrand zu wandern. Von dort aus laufe ich weiter zum Nordrand. Ab und zu setze ich mich an den Wegesrand, um mich zu erholen und etwas zu trinken, aber ich kann nie lange ruhen, irgendetwas treibt mich immer weiter. Ich wandere den ganzen Tag, da ich es unerträglich finde, mich einfach in mein Tarp zu setzen. Dort wandern meine Gedanken nämlich immer zu meinen Ängsten und der bevorstehenden Nacht, das halte ich nicht den ganzen Tag aus. Vom Nordrand aus wandere ich zum Westrand und von dort ganz weit hinunter zum Südrand des eingezeichneten Gebietes. Dort angekommen bin ich ziemlich erschöpft, da ich bereits mindestens zehn Kilometer gelaufen bin. Außerdem wird es langsam spät, weshalb ich mich auf den Rückweg zu meinem Tarp mache. Während langer Teile meiner Wanderung waren meine Gedanken leer. Ich bin einfach gegangen und war froh, keinerlei Zwänge, Termine oder Aufgaben zu haben. Es gab nichts, was bedacht werden musste außer, welchen Weg ich nehme, ob ich abbiege oder noch weitergehe. Nur während meiner Pausen drängten sich Gedanken an die bevorstehende Nacht, die anderen und den Alltag in meinen Kopf.

20:00 Uhr. Zurück am Tarp bereite ich alles für die Nacht vor. Ich breite meinen Schlafsack aus, hole die Pfeife und die Taschenlampe aus dem Rucksack und lege mich hin. Schlafen kann ich allerdings trotz der Erschöpfung vom Wandern und der kurzen vergangenen Nacht noch lange nicht. Meine Gedanken wandern zum Tag zurück. Ich mache eine Strichliste mit allen Lebewesen, die ich gesehen habe: vier Hasen, ein Reh, neun Kühe, dutzende von Schnecken, zwei Störche und vier Menschen. Die Begegnungen mit den Menschen waren am unangenehmsten. Sie passten nicht in diese 24 Stunden, wir waren ja alle draußen, um allein zu sein. Ich habe einen Ohrwurm von „Bewahre uns Gott, behüte uns Gott“, traue mich aber immer noch nicht, alleine im Wald zu singen. Also schreibe ich den Text auf und singe ihn in Gedanken. Und immer wieder wandern meine Gedanken nach Hause, zu meiner Familie und meinen Freunden. Wie geht es ihnen wohl? Was machen sie? Denken sie an mich?

23:00 Uhr. Ich versuche, endlich einzuschlafen. Allerdings friere ich, da es für Ende Mai ziemlich kalt ist und die ganze Woche geregnet hat. Außerdem ist es wahnsinnig laut. Ständig knackt und raschelt etwas, auf der Landstraße fahren Autos vorbei und Vögel zwitschern. Außerdem wird es einfach nicht dunkel. Die Wolken am Himmel lassen alles leuchten. Und ich habe Angst. Riesige Angst. Nicht vor Tieren, denn wir hatten vorher besprochen, dass es dort keine gefährlichen Tiere gibt, sondern vor Menschen. Davor, dass irgendjemand in den Wald kommt und mich findet. Ich wiederhole ständig, was Dieter gesagt hat: Wir sind dort im Wald sicherer als nachts in Hannover, niemand läuft einfach so nachts irgendwo im Wald rum. Trotzdem schlafe ich unruhig, wache immer wieder auf, versichere mich, dass Trillerpfeife und Taschenlampe immer in meiner Hand sind. Zwei, drei Mal denke ich darüber nach abzubrechen. Aufzugeben. Dieter schläft extra draußen, damit wir mit ihm reden können ohne ins Haus zu müssen, falls jemand überlegt aufzuhören. Ich weiß, dass die anderen mich nicht verurteilen würden. Aber ich bleibe. Um mir zu beweisen, dass ich das kann. Aber auch, weil ich diese Erfahrung komplett machen möchte.

Donnerstag, 3:00 Uhr. Früh am Morgen werde ich endgültig wach. Die Vögel zwitschern schon, aber es ist noch dunkel. Ich bleibe liegen, bis der Morgen graut. Ich würde am liebsten sofort abbauen und zurückgehen, aber in den letzten zwei Stunden aufgeben, nachdem man die Nacht überstanden hat? Nein! Obwohl ich mich wirklich unwohl fühle und mich nach der Geborgenheit der Gruppe und des Hauses sehne. Gegen vier fange ich an, mein Tarp abzubauen und meine Sachen zu packen. Um viertel vor fünf bin ich wieder am Pfadfinderhaus. Als erste von denen, die die Nacht durchgehalten haben, aber eine von uns ist bereits nachts zurückgekehrt. Am Steinkreis stehen Dieter und Susanne, die mich, wieder durch rituelle Worte und den Rauch des Salbeibündels, willkommen heißen. Ich darf wieder reden, ein Gebäude betreten und essen. Nach und nach treffen die anderen ein und werden willkommen geheißen. Alle haben es gut überstanden und tatsächlich hatte keiner von uns Probleme mit dem Hunger.

11:00 Uhr. Während der Reflexionsrunde wird klar, dass die anderen teilweise mit ganz anderen Problemen zu tun hatten. Zum Beispiel haben es nicht alle geschafft, sich 24 Stunden von ihrem Handy fernzuhalten. Sie hatten es mit und haben es auch benutzt. Auch das Alleinsein war für viele schwer, zwei von uns haben sich schon am Abend zusammengetan und dicht beieinander geschlafen. Viele jedoch konnten einfach entspannen und lagen den halben Tag im Tarp. Aber, auch wenn meine 24 Stunden unruhiger und teilweise von Angst geprägt waren, bereue ich nichts. Ich würde jederzeit wieder mit auf dieses Seminar fahren, denn eine solche Erfahrung verändert einen. Natürlich habe ich nicht alles, was ich mir während der Wanderungen vorgenommen habe eingehalten. Ich hatte mir zum Beispiel vorgenommen, alle drei Monate zumindest für ein paar Stunden ein kleines „Walk Away“ zu machen. Ab und zu habe ich es geschafft, aber es gelingt mir viel zu selten, dafür einen halben Sonntag freizuhalten. Natürlich hat mich inzwischen der Alltag komplett wieder. Aber ich habe das Gefühl, nun ein viel besseres Bild von mir und meinen Grenzen zu haben. Und ab und zu schaffe ich es, mich aus dem Alltag zurückzuziehen und mich etwas mit mir selbst zu beschäftigen. Ganz alleine, draußen in der Natur.

Text: Friederike Stock

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